Wir sprechen regelmäßig mit Startups aus dem starting-business-Netzwerk und teilen Einblicke in Idee, Alltag und Vision. Dieses Mal haben wir im März 2026 mit Pflegewächter gesprochen. Das Team wurde von starting business begleitet.
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Als allererstes: Wenn ihr euer Startup in einem Song beschreiben müsstet – welcher Song wäre es und warum?
Titanic von Falco.
Der Song ist eine gesellschaftskritische Metapher: Das Schiff fährt unbeirrt weiter, obwohl es längst Schlagseite hat. Genau so erleben wir das Pflegesystem – „ganz allanig, aber fesch“ mit Hochglanzbroschüren, Millionenbudgets und politischen Versprechen, während unter der Oberfläche Personalmangel, wirtschaftlicher Druck und Überforderung herrschen.
Besonders prägend für uns ist die Zeile: „Wer sich retten tut, der hat zum Untergang kan Mut.“ Übertragen auf das Unternehmertum heißt das: Wer gründet, kann scheitern. Wer – wie wir – das Pflegesystem hinterfragt und Missstände offenlegt, macht sich bei politisch und wirtschaftlich starken Akteuren keine Freunde und riskiert Widerstand. Doch genau darin liegt unternehmerischer Mut: trotzdem anzutreten und Integrität höher zu bewerten als Sicherheit.
Wie kam es zur Gründung? Wer hatte die Idee und was war der Auslöser?
Die Idee zu Pflegewächter hatte Florian, als seine eigene Oma pflegebedürftig wurde. Plötzlich stand seine Familie vor einer Situation, die viele Menschen kennen: unzählige Formulare, schwierige Entscheidungen und oft widersprüchliche Informationen von Pflegekassen und Behörden. Obwohl Pflege früher oder später fast jede Familie betrifft, fühlt man sich in diesem Moment erstaunlich allein gelassen.
Aus dieser Erfahrung entstand www.pflegewaechter.de und der Gedanke, dass es einen Ort geben muss, der Menschen durch dieses komplexe System begleitet – verständlich, transparent und unabhängig.
So wurde Pflegewächter gegründet. Unser Ziel ist eine neue Art, mit Pflege umzugehen: selbstbestimmt, verständlich und gerecht. Wir machen Pflegewissen für alle zugänglich und sorgen dafür, dass der korrekte Pflegegrad vergeben wird und Entscheidungen der Pflegekassen nachvollziehbar sowie überprüfbar werden – damit niemand mehr im Pflegesystem verloren geht.
Erklärt eure Idee in einer schriftlichen Sprachnachricht – maximal 10 Sekunden lang
Viele Menschen bekommen einen Pflegegrad und akzeptieren ihn – obwohl er oft zu niedrig ist und Versicherten so tausende Euro im Jahr zu wenig erhalten. Pflegewächter hilft, den gerechten Pflegegrad zu bekommen: Durch die Vermittlung von spezialisierten Partneranwälten aus unserem Netzwerk, die den Antrag oder den Widerspruch bei zu niedrigem Pflegegrad begleiten und unterstützen.
Welche Lösung bietet ihr für welche Zielgruppe an?
Über www.pflegewaechter.de helfen wir pflegebedürftigen Personen und ihren Angehörigen sich im komplexen Pflegesystem zurechtzufinden, den richtigen Pflegegrad zu bekommen und ihre finanziellen Budgets für die pflegerische Versorgung gegenüber den Pflegekassen durchzusetzen.
Erzählt uns eine Erfolgsgeschichte aus eurem Startup Alltag – kann sowohl mit eurem Produkt als auch mit der Gründung zu tun haben?
Eine Kundin lebte über zwei Jahre mit einem zu niedrigen Pflegegrad. Gemeinsam mit einem unserer Partneranwälte hat sie Widerspruch eingelegt und musste die Pflegekasse später auch vor Gericht verklagen –vor Gericht wurde ihr Pflegegrad am Ende rückwirkend seit erster Antragstellung von 1 auf 3 korrigiert und sie erhielt über 10.000 Euro Nachzahlung.
Noch wichtiger als das Geld war für die Dame aber, endlich gesehen zu werden und die Unterstützung zu bekommen, die sie wirklich braucht. Fälle wie dieser zeigen eindrücklich, welche großen Folgen eine falsche Einstufung beim Pflegegrad haben kann. Und das ist leider kein Einzelfall bei uns. Solche Erfolge und das unglaublich emotionale, dankbare Feedback unserer Kunden motivieren uns täglich bei unserer Arbeit. Das stiftet Sinn.
Was waren die größten Herausforderungen bei der Gründung? Woran seit ihr fast gescheitert und was habt ihr daraus gelernt?
Wie bei vielen Startups war die Anfangsphase finanziell und organisatorisch herausfordernd.
Pflegeleistungen zu beantragen oder einen Pflegegrad überprüfen zu lassen ist für viele Familien extrem kompliziert – mit Formularen, Gutachten und rechtlichen Fristen. Unsere Aufgabe war es, diesen Prozess so aufzubereiten, dass auch digital unerfahrene Menschen ihn online verständlich durchlaufen können. Gleichzeitig mussten wir von Anfang an einen hohen Qualitätsmaßstab erfüllen, denn es geht für unsere Kunden um viel Geld und um reale Pflegesituationen.
Eine wichtige Lernerfahrung kam früh: Nachdem wir viel Zeit in Konzeption und die erste Website investiert hatten, meldete sich zunächst kaum jemand an. Wir haben schnell gemerkt, dass selbst die beste Idee ohne gutes Marketing nicht funktioniert. Außerdem hatten wir unser Geschäftsmodell anfangs stark auf B2B ausgerichtet – mit Partnern aus der Sozialwirtschaft, die oft sehr lange Entscheidungswege haben.
Heute haben wir bereits über zehntausend Familien begleitet und Millionen an Pflegeleistungen zugänglich gemacht. Unternehmertum bedeutet für uns vor allem, jeden Tag neue Probleme zu lösen, flexibel zu bleiben und mehrere Herausforderungen gleichzeitig zu managen.
Wie kam der Kontakt zu starting business zustande? Was hat sich seitdem konkret verändert?
Der Kontakt entstand über einen Aushang und eine nachfolgende Beratung in der Uni. Danach ging es dann relativ schnell Richtung Exist-Gründerstipendium für uns. Besonders hilfreich war das Feedback zu unserem Geschäftsmodell und unserer Positionierung.
Das ist über fünf Jahre her. Seitdem sind wir natürlich viel professioneller, strategischer und größer geworden – sowohl im Aufbau des Unternehmens, unserer Reichweite und öffentlichen Wahrnehmung, als auch im Marketing und in der Weiterentwicklung unseres Angebots.
Wie sieht euer Arbeitsalltag aus?
Unser „Alltag“ ist eine Mischung aus Produktentwicklung, Fallarbeit und vielen Gesprächen. Parallel arbeiten wir an der Weiterentwicklung unserer Plattform, tauschen uns nahezu täglich mit Partnern und Pflegeexperten aus und kümmern uns um Marketing, Kooperationen und Strategie.
Mit den Jahren ist der einzelne Arbeitstag zwar etwas planbarer und ruhiger geworden. Trotzdem springen wir oft von einem Thema ins nächste – vom sehr persönlichen und fordernden Mitarbeitergespräch direkt weiter zum Kundenmeeting oder ans Entwicklungsboard. Kein Tag ist vollständig planbar – und genau das macht Selbstständigkeit aus.
Welche Pläne habt ihr für die Zukunft eures Startups? Und welche Vision treibt Euch dabei langfristig an?
Unser Ziel ist es, Pflegewächter zur zentralen Anlaufstelle für Fragen rund um Pflegeleistungen zu machen. Wir wollen noch mehr Menschen helfen, ihre Ansprüche durchzusetzen. Langfristig treibt uns die Vision an, das Pflegesystem transparenter und gerechter zu machen – damit niemand mehr Leistungen verliert, nur weil das System zu kompliziert ist.
Welchen kleinen, aber goldenen Ratschlag würdet ihr anderen Gründer:innen mit auf den Weg geben — etwas, das ihr gerne früher gewusst hättet?
Die ewig alte Leier wäre: Baut euer Produkt möglichst früh mit echten Nutzern und echten Fällen. Viele Ideen klingen auf dem Papier gut – aber erst im Kontakt mit realen Problemen zeigt sich, was wirklich funktioniert. Genauso wichtig ist es aber, als Gründer zu sich selbst zu finden: häufiger „Nein“ zu sagen, andere schneller zu Entscheidungen zu bringen, aktiv Rückmeldungen einzufordern und dann den Anderen auch einfach mal „springen“ zu lassen.
Das Pflegewächter-Team
